Motivationsorientierte Belohnungen

… sind das A und O im Training mittels positiver Verstärkung. Dazu bedarf es guter Beobachtung. Leckereien z.B. können je nach Wetterlage, Erregungsniveau, Umfeld usw. sehr wertvoll sein. Sie können u.U. aber sogar ins Gegenteil umschlagen.

Würdet Ihr z.B. bei der derzeitigen schwülen Hitze einen trockenen Futterbrocken für erstrebenswert halten, wenn Ihr gerade eine halbe Stunde gejoggt seid?

Da würde Euch sicher der Sinn nach etwas ganz anderem stehen.

 

 

Leider war es uns in den ersten Monaten mit Charis kaum möglich, sie motivationsorientiert zu belohnen. Zudem nahm sie draußen … und dann auch noch bei Aufregung … überhaupt keine Futterblohnungen an.

 

 

Wir mussten sie erst kennenlernen. Wir mussten uns gegenseitig erst besser kennenlernen.

Dieses Kennenlernen und das gemeinsame Training haben inzwischen einige Verschiebungen in ihren Lieblingstätigkeiten und der daraus resultierenden Belohnungsliste gezeitigt. Aber schaut selbst:

Unsere erste Belohnungsliste …

belohnungsliste_juli2011

… und hier der aktuelle Stand

belohnungslistecharis_august2012

Ihre Hauptaktivität der ersten Monate bestand in Rennen, Hüpfen, Springen, Hetzen …

 

 

Fast alle Belohnungen mit uns waren seinerzeit ausschließlich im Haus oder max. auf der Terrasse möglich. Draußen waren wir praktisch komplett ‚abgemeldet‘. Inzwischen ist auch unterwegs und sogar in fremdem, neuem Gelände Interaktion mit uns möglich.

Die ‚rausgefallenen‘ Belohnungen wurden entweder in tagtägliche Rituale eingebaut oder werden nicht mehr als Belohnung eingesetzt, weil sich Charis‘ Motivationen und Bedürfnisse geändert haben.

Ich finde, das kann sich sehen lassen.

Augen-Blick!

In den vergangenen Wochen war mir wohl bewusst, wie gut Charis sich gerade auch seit dem Frühjahr entwickelt hat. Da hat es noch mal einen ordentlichen Schub getan.

Wirklich klar wurde mir manches aber erst vor einigen Tagen, als sie infolge Überforderung nach gut 3 – 4 Monaten das erste Mal wieder komplett ausrastete und ihr gesamtes Frustrepertoire abspulte. Da kamen wirklich üble Erinnerungen hoch. Damals zählten wir die Momente, in denen es auch mal ruhig und gelassen ging!

 

 

Solche Begebenheiten können aber auch den Blick fürs Detail schärfen.

Woran merkt der Hundehalter z.B., wenn sein (Tierschutz-) Hund sich immer näher an ihn anschließt?

Ein Indiz ist vermutlich der Blickkontakt.

Meine früheren Hunde hielten – egal, welcher Motivation sie ansonsten grade fröhnten – gerne Blickkontakt mit mir. Charis kommt neuen Menschen zwar grundsätzlich auch erst mal interessiert bis freudig erregt entgegen. Den freien Blickkontakt hat sie aber bislang eher selten angeboten.

Wir waren schon froh, als sie nach Wochen der Markerarbeit endlich anfing, sich auf den Marker hin auch mal zu uns hin zu orientieren. Damit hatten wir den Fuß in der Tür.

Seit zwei Wochen beobachte ich ein neues Phänomen, das für viele ’normale‘ Hundehalter vermutlich nicht der Rede wert wäre:

Charis nimmt von sich aus immer häufiger Blickkontakt mit uns auf. Manchmal fordert sie uns regelrecht auf, mal dies und mal jenes zu tun.

Begonnen hat diese Entwicklung passenderweise mit dem Aufbau des ‚Schau‘. Seitdem sie das recht zuverlässig unter Signal ausführen kann … und es auch als Belohnung ausführen darf! 😉 … hat sich ihr ‚Blickwinkel‘ anscheinend verändert. Zudem lassen wir sie ja nicht ’sinnentleert‘ einfach in der Gegend herumgucken, sondern haben über das ‚Zeigen & Benennen‘ eine weitere Möglichkeit gewonnen, ihr den Anblick gewisser Auslöser angenehm bis selbstbelohnend zu gestalten.

Inzwischen ist sie im Training an dem Punkt angekommen, an dem sie beginnt Auslöser anzuzeigen … z.B. Eichhörnchen oder Vögel. Das lässt Hoffnung auch in Bezug auf andere Auslöser aufkommen!

Beim gemeinsamen Betrachten kommt inzwischen immer öfter ein Blick von ihr, der ganz klar fragt: ‚Hey, ich hab’s Dir gezeigt – WAS krieg‘ ich nun dafür?‘.

Ich kann überhaupt nicht beschreiben, was für ein Glücksgefühl mir in sämtliche Knochen fuhr, als sie das das erste Mal mit mir machte.

Endlich spricht sie in Worten mit mir! … so wie es Kessy früher oft tat.

 

 

Wir versuchen möglichst motivationsorientiert zu belohnen und zu verstärken. D.h. mal darf sie weitergucken (solange die Erregungslage dabei nicht zu hoch wird), mal darf sie einen entsprechend geworfenenen, evtl. vorher noch zum ‚Lauern‘ angebotenen Futterbrocken oder einen anderen Gegenstand hetzen und ‚erlegen‘. Manchmal darf sie ihn im Gras suchen. Manchmal laufen wir hüpfend und springend ein paar Meter zusammen den Weg entlang (ja, ich jubel dann auch freudig herum ;-D). Das ist bestimmt ein tolles Bild für den nichts ahnenden Betrachter *lol*. Inzwischen gibt es also deutlich mehr Belohnungsalternativen als vor einem Jahr.

Wir haben uns besser kennengelernt, haben Vertrauen aufgebaut, haben Spaß miteinander. Wir wachsen zusammen!

 

 

Eine liebe Bekannte erwähnte vor einer Weile mal, dass es für sie wohl nichts Größeres gibt, als von ihrem Hund ‚angehimmelt‘ zu werden.

Das war und ist nicht mein Bestreben.

Ich gebe jedoch zu … es ist ein tolles Gefühl, wenn der Hund an der Seite langsam zum ‚eigenen‘ Hund wird und dies auch durch solche Augen-Blicke zeigt!